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Von Adlershof bis Zehlendorf

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Ich war schon viel unterwegs in Berlin. Dachte ich zumindest. Karaoke im Mauerpark, Street Food Thursday in der Markthalle Neun, Flusskrebse beobachten am Neuen See und bunte Fische im Aquarium. Yoga im Treptower Park. In der Schlange stehen vor THE HAUS und vor Hokey Pokey. Bier und Wein und Luft und Liebe in Kneipen, Parks und an Gewässern in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Ich war da, ich war dabei und meistens war es wundersam bis schön. Manchmal auch skurril und traurig. Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.


Aber da draußen gibt es noch so viel mehr. Der Blick über den Tellerrand oder zunächst einmal ins Internet verrät mir: Berlin hat 96 Ortsteile, Stadtteile, Bezirksunterordnungen, wie auch immer man es nennen mag. Unendliche Weiten. Und ich war gerade mal in 28 davon. Mein ganz persönlicher Dunstkreis, beschränkt durch S-Bahn-Ring und Lebensumstand.


Klar, allein im letzten Jahr habe ich mich wenig rausgetraut aus meiner lokalen Komfortzone: Friedrichsfelde (Tierpark), Neukölln (Konzerte), Wannsee (Bootstour), Charlottenburg (Ausstellung), Lichtenberg (Ikea). Und jüngst war ich zum ersten Mal in meinem sechsjährigen Dasein als Berlinerin in Schöneberg (Ausstellung), wo ich es – nomen est omen – wirklich schön fand.


Aber jetzt ist es an der Zeit, Berlin besser kennenzulernen!


Die Vorlage dafür bietet mir Jens Mühling, der in seiner wöchentlichen Tagesspiegel-Kolumne „Mühling kommt rum“ alle 96 Ortsteile Berlins besucht, angefangen bei Adlershof (A), enden wird er in Zehlendorf (Z). Zwei bekannte Ortsteile, auch wenn ich noch in keinem von beiden war. Shame on me (28 …). Dazwischen noch mehr Unbekanntes und fremd klingende Ortsnamen. Es würde mich nicht wundern, wenn selbst der ein oder andere Urberliner noch nie etwas von „Lübars“ oder „Müggelheim“ gehört hat. Für mich persönlich aber steht fest: Das muss sich ändern! 96 Ortsteile, von A bis Z – der Vorsatz steht.


Eifrig mache ich mich an die Planungen und recherchiere, was mein erstes Ziel Adlershof denn eigentlich zu bieten hat. Trudelturm – okay, Windkanal – joa, Motorenprüfstand – hm. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Sollte das etwa alles gewesen sein? Kein monumentales DDR-Bauwerk mit historischer Bedeutung? Keine schmucke Parkanlage mit niedlichen Bachläufen und Enten? Einzig ein koreanisches Restaurant erregt meine Aufmerksamkeit, so weit draußen hatte ich das nicht erwartet. Griechisch sicher, Italienisch bestimmt, aber Koreanisch nein.


Ich erzähle meinem lieben Freund Theo von dem Plan: „Leider scheint es in manchen Ortsteilen nichts Spannenderes zu geben als irgendein nettes Restaurant oder einen Imbiss.“

„Ja, ist doch cool. Machste eine Imbisstour!“, resümiert Theo sogleich.

„Genau, und dann schreibe ich darüber einen Blog“, füge ich lachend und nicht wirklich ernst gemeint hinzu. Doch irgendwie gefällt mir die Idee.


Später am Abend gefällt sie mir noch besser. Immerhin esse ich unheimlich gerne und wenn man den halben Tag durch Berlins Kieze, Randgebiete und Grünanlagen läuft, muss der Mensch schließlich auch irgendwas essen. Die Idee ist geboren. Der Blog schnell aufgesetzt. „Kiezkantinen.de“ soll er heißen, auch wenn ich mich direkt von Theo belehren lassen muss, ob ich denn nicht wisse, dass nicht alles Kieze sind und es nicht überall Kieze gibt. „Ja, vielen Dank für die Info“, antworte ich augenrollend. Der Name gefällt mir trotzdem.


Anders als Mühling, der zumindest scheinbar ohne große Vorbereitung losfährt, werde ich nicht alles dem Zufall überlassen. Nicht dass mir was Sensationelles entgeht, weil ich ahnungslos durch die Gegend laufe und mich an gut gepflegten Vorgärten erfreue, während in der Parallelstraße die beste Pizza meines Lebens wartet. Ansonsten gibt es keine Spielregeln. Kulinarisch ist alles erlaubt – Imbisse, Restaurants, Kantinen, Mensen, Streetfood Trucks, Cafés, und im Notfall auch mal eine Frischetheke. Küchen aller Art, jeder Nationalität.

Bevor ich starte, mache ich noch schnell den Test „Finde heraus, welcher Stadtteil du bist!“. Schließlich ist es immer gut zu wissen, wer man eigentlich ist. Ein Angebot der Deutschen Bahn … Die Bahn macht jetzt in Psychotests. Aus irgendeinem Grund bin ich Charlottenburg. Warum genau verrät Die Bahn mir nicht, nur dass Sehen und Gesehenwerden genau mein Ding ist.


Um ganz sicherzugehen, lasse ich mir noch eine Zweitmeinung anfertigen. Der Name des Tests „Welcher Berliner Stadtteil bist du WIRKLICH?“ klingt schon mal vielversprechend. Ich bin in WIRKLICHkeit dann wohl auch Kreuzberg wird mir hier attestiert, denn tagsüber trinke ich gerne guten Kaffee aus dem neuesten Pop-up-Café, und nachts laufe ich ein Wegbier balancierend durch die Straßen, immer magisch angezogen von Start-up-Firmen jeder Art. Wenn das das Bild von Kreuzberg ist, möchte ich vielleicht doch lieber Charlottenburg sein oder einfach nur Prenzlauer Berg, was so ziemlich genau die gefühlte Mitte von beidem ist.


Was soll’s. Am besten finde ich es selber heraus. Zum Beispiel in meiner ersten Reise nach Adlershof. :-)




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