#15: Mulmige Gefühle in Charlottenburg-Nord

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Charlottenburg-Nord. Die hässliche kleine Schwester von Charlottenburg? Ein Gedanke, der mir bereits auf dem Weg in den Ortsteil kam und sogleich bestätigt wurde, als ich am U-Bahnhof Halemweg ausstieg. Nie hatte ich einen hässlicheren Bahnhof gesehen. Beton, wohin man schaute. Bekrickelt mit nichts sagenden Schmierereien, für die sich jeder Sprayer schämen würde. Das Schild, das die Destination verkündete, in Do-it-yourself-Manier aus dem heimischen Drucker, verschönert gerade noch mit einem Hertha-BSC-Aufkleber. Ich atmete tief ein. Wer hier jeden Tag aussteigen musste, der tat mir wirklich leid. Fassungslos, wie Stadt und Verkehrsbetriebe so eine Verwahrlosung zulassen konnten, wurde mir dann aber doch schnell klar, dass es sich nur um einen vorübergehenden Zustand handeln musste. Ich befand mich mitten in einem Baustellenprojekt, Stichwort Sanierung. Von der alten Schönheit des U-Bahnhofs zeugte noch der Wellengang von den Gleisen hinauf ins Helle. 1980 hatte der Architekt und Berliner Baurat Rainer Rümmler den Bahnhof in frechen Orangetönen gestaltet, kombiniert mit den gelb-blauen Treppenaufgängen im Stil der damaligen Zeit. Poppig mag man es nennen. Auf jeden Fall sehr besonders und aus heutiger Sicht schon fast verwunderlich, dass einst so viel Liebe in ein Bauwerk investiert wurde, bei dem heutzutage eher die Nützlichkeit im Vordergrund stünde. Eine Einstellung, die wohl auch finanzielle Gründe hat. Trotzdem denke ich oft, dass man sich bei der Gestaltung von neuen Haltestellen und Bahnhöfen etwas mehr Mühe geben könnte. Wenn ich an die Deutsche Bahn denke, denke ich an Betongrau. Vergebenes architektonisches und stadtbildgestalterisches Potenzial. Die S-Bahnhöfe, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind, und ihre mit feinen Fliesen besetzten Bahnhofshäuschen und eben die U-Bahnhöfe der Nachkriegsmoderne sprechen da noch eine andere Sprache. Von den gerade neu entstehenden Bahnhöfen fällt mir nur der Bahnhof Warschauer Straße ein. Zumindest dessen Außenfassade hat man so noch nicht gesehen. Komplett mit Kupferplatten bedeckt verwandelt sie sich mit der Zeit von glänzendem Kupferrot, über leicht verwittert, fleckig aussehend zu einem Hellgrün, wie man es von Kirchentürmen kennt. So weit die Außenfassade. Im Bahnhof selbst Beton. Natürlich. Doch zurück nach Charlottenburg-Nord. Hier bleibt zu hoffen, dass nach Abschluss der Bauarbeiten in Halemweg von der alten Kunst noch etwas übrig bleibt. Im Nachbarbahnhof Jungfernheide ist Rümmlers Gestaltung jedenfalls noch erhalten.





Oberhalb der Erde war Charlottenburg-Nord dann eigentlich ganz ansehnlich. Viel los war zwar nicht, aber die Hausfassaden strahlten vor Fröhlichkeit in Gelb, Grün, Blau und Orange.




In einer kleinen Einkaufspassage neben Netto-Markt und Nagelstudio aß ich im persischen Imbiss „Bibi Restaurant“. Die Bedienung war zuvorkommend freundlich und die Hähnchenspieße in Safranmarinade sehr saftig.



Ich setzte meine Tour in Richtung Gedenkstätte Plötzensee fort. Plötzensee – ein Wort, bei dem bei mir die Alarmglocken angingen. Ungern dachte ich an den Sommernachmittag am Plötzensee zurück, als mir jemand seinen „really big dick“ zeigen wollte. Was für ein freundliches Angebot das doch war! Als ich trotz dieser großartigen Aussichten ablehnte, ließ ich mich eine Weile mit Kopfhörern im Ohr anschreien, um dann sofort zu verschwinden, als die Luft wieder rein war.

Mit dieser Erinnerung fuhr ich also schon in mulmigem Gefühl zur Gedenkstätte, die, von allen Seiten von Gefängnismauern umgeben, auf dem öffentlichen Bereich des Geländes der Justizvollzugsanstalt liegt. Einsam und still war es dort. Und bedrückend. Sehr bedrückend in dem Häuschen, in dem so viele Menschen ihr Leben verloren. Im Nationalsozialismus wurden hier vor allem Männer und Frauen des politischen Widerstands ermordet. Unter ihnen auch viele Helfer und Planer des Stauffenberg-Attentats, der Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“ und des Kreisauer Kreises. In den "Plötzenseer Blutnächten" starben hier allein in einer Nacht 186 Menschen. Der Balken mit den Haken für die Klaviersaiten, die benutzt wurden; die Vertiefung des Raumes zur Mitte hin mit einem Abfluss für Körperflüssigkeiten, die die Erhängten im Todeskampf von sich ließen – alles war noch wie damals. Des Gedenkens willen. Mir wird schlecht. Fast 3.000 Menschenleben insgesamt. Bei jedem Windstoß, der das Laub zum Rascheln brachte, fuhr ich zusammen. Ich will nur noch weg. Und von Charlottenburg-Nord habe ich erst mal genug gesehen.







BIBI Restaurant, Halemweg 17–19, Berlin-Charlottenburg-Nord, Mo–So 11:30–0:00 Uhr

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