#14: Glanz und Gloria in Charlottenburg

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Meine Tour durch Charlottenburg beginne ich nicht in Charlottenburg, sondern in Schöneberg. Genauer gesagt im KaDeWe, Kaufhaus des Westens. Einst in der freien Stadt Charlottenburg gegründet, fiel es in der Gebietsreform 1938 an den Bezirk Schöneberg und liegt nun ca. 50 m außerhalb Charlottenburgs. Da aber keiner der von mir befragten Berliner die Frage nach dem Ortsteil, in dem das Luxuskaufhaus seinen Sitz hat, richtig beantworten konnte, beschließe ich Fünfe gerade sein zu lassen und das KaDeWe als ureigene, ursprüngliche Charlottenburger Institution anzusehen. Hier passt es auch viel besser hin als ins bunte Schöneberg. Charlottenburg ist reich, Charlottenburg ist Luxus, Charlottenburg ist pompös mit mächtigen Bauten und Geschäften für allerfeinste Geschmeide, Charlottenburg ist prunk- und prachtvoll. Und das war es schon immer.


Im KaDeWe zwischen all den Luxuswaren – Escada, Prada, Armani – und den Stöckelschuh tragenden Russinnen – Christian Louboutin – aus Sankt Petersburg fühle ich mich fehl am Platze. Die herabschauenden Blicke der Verkäuferinnen sagen: Hier gehörst du nicht hin! Sie haben recht; hier gehöre ich nicht hin. Gleichgesinnte findet man in den weniger exklusiven Ecken, bei Tommy Hilfiger oder Topshop. Stumm und verlegen schauen wir uns in die Augen und sind erleichtert, dass noch andere Normalbürger ihren Weg in diese Welt gefunden haben, eine Welt voller Louis-Vuitton-Taschen-Trägerinnen. Und eine Welt für die berühmten Wilmersdorfer Witwen. Warm verpackt im Nerz und die obligatorische Louis-Vuitton-Tasche sowie die zahlreichen KaDeWe-Tüten sicher im Rollator verstaut, lassen sie es sich bei Austern und Pasteten in der Feinkostabteilung gut gehen.


Hier lasse auch ich es mir gut gehen, allerdings im neuen moderneren Teil der Abteilung, die berühmt für ihre Fischtheke ist. Modernisierung hat das KaDeWe dringend nötig. Denn langsam wird es eng. Die Wilmersdorfer Witwen sind ein Auslaufmodell (Stichwort Rollator) und so sucht das KaDeWe nach neuem Stammpublikum. Jung, kosmopolitisch, hip soll es sein. Und dieses gilt es erst einmal dem ein paar Häuser entfernten Bikini Berlin abzuluchsen, einer – der englischen Sprache sei Dank – „Concept Shopping Mall“ mit „Flagship Stores“, „Showrooms“ und „Pop-up-Boxes“, in denen junge Designer ihre Kreationen präsentieren.


Im Kadewe jedenfalls hat man verstanden, dass man etwas tun muss, und hat die Berliner Craftbier-Brauerei BRLO mit ins Boot, oder passender: in die Yacht, geholt, die hier einen Hähnchengrill (BRLO CHICKEN & BEER) eröffnet hat. Angeboten werden acht Biere vom Fass und ganze und halbe Hähnchen sowie Ceasars Salad und Fried Chicken. Ich bin großer Fan des BRLO Pale Ales und es passt perfekt zum zarten Fried Chicken. Der Beilagensalat schmeckt mir auch sehr gut. Einziger kleiner Kritikpunkt am Fried Chicken ist die Bierteigpanade, die etwas zu dick ist und bei Weitem nicht die beste, die ich bisher gegessen habe. Aber darüber kann man leicht hinwegschauen und das Pale Ale macht eh alles wett.


Gut gesättigt ziehe ich an Gedächtniskirche, Upper West, Bikini Berlin und zahlreichen Porsche Cayennes und einem Ferrari (es lebe das Klischee!) vorbei in Richtung der Prunkstraße Kudamm. Hier fällt mir vor allem ein etwas anderer Laden ins Auge. Das Geschäft von Käthe Wohlfahrt, in dem an jedem Tag im Jahr Weihnachten ist. Ansonsten dominieren auch hier Prada, Escada und Co.


Upper West




Am Schloss Charlottenburg nahm der Charlottenburger Pomp 1699 einst seinen Anfang, als Sophie Charlotte von Hannover, spätere Königin von Preußen, sich das Schloss als Sommerresidenz bauen ließ. Fun Fact für alle Hannoveraner: Das Charlottenburger Wappen trägt seit jeher das Niedersächsische Wappen mit dem Gaul in sich. Heute kann man im Schlosspark Charlottenburg wunderbar spazieren gehen.


Nach dieser Tour durch den Wandel der Zeit von Charlottenburgs Pracht erholt man sich am besten in einem der zwar weniger prunkvollen, aber nicht weniger reizvollen Kieze von Charlottenburg. Sehr zu empfehlen der Danckelmannkiez. Hier ist weniger Luxus, dafür mehr Intellekt. Ein Antiquariat folgt dem nächsten. In einem der Schaufenster macht das Schild mit der Aufschrift „Bin gleich wieder da“ auf sich aufmerksam. Schön, dass es hier noch so unaufgeregt zugeht.


Oder man kehrt in eins der unzähligen asiatischen Restaurants in der Kantstraße ein. Berlins „Chinatown“. Z. B. In das kleine japanische Café „Kame Japanese Bakery“ in einer Nebenstraße, in dem es sich bei Matcha Latte und An Pan gemütlich sitzt. Wie war das noch bei Goethe? Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein?! Auch solche Orte gibt es zum Glück in Charlottenburg.



BRLO CHICKEN & BEER, im KaDeWe, 6. Etage, Tauentzienstr. 21–24, Berlin-Schöneberg, Mo–Do 12–20, Fr 12–21, Sa 11–20 Uhr


Kame Japanese Bakery, Leibnizstr. 45, Berlin-Charlottenburg, Mo–Sa 9–19, So 11–17 Uhr

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