#9: Buntes Bohnsdorf

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Manchmal bin ich von Dingen ganz begeistert, die anders sind, als man es kennt oder gewohnt ist. So geht es mir im Restaurant „Rhodos“ in Bohnsdorf.

Gestriegelte Bedienungen mit griechischem Akzent in weißem Hemd und schwarzer Schürze? Griechische Musik, die symbolisiert: Du bist hier bei uns in Griechenland, im Urlaub natürlich? Sahnelastige, mehlige Soßen in der Mehrheit auf der Speisekarte? Griechische Skulpturen und Acrylbilder, die weiße Häuser mit blauen Dächern zeigen? Alles kein Thema im „Rhodos“! Na gut, die beiden griechischen Schönheiten, die den Eingang des Restaurants bewachen, stammen wohl eher aus dem Baumarkt, aber sind auch das einzige Merkmal, das verrät, dass dies ein griechisches Restaurant ist.

Urlaubsfeeling verbreiten im „Rhodos“ französische Chansons und spanische Volkslieder – ganz schön ungewöhnlich dieser Bruch, der Stimmung tut es keinen Abbruch. Die Bedienung – oder der Besitzer? – mit seinem Pferdeschwanz, der abgeranzten Jeans und dem Flanellhemd wirkt er eher wie ein Holzfäller. Oder Sozialarbeiter! Die Lederarmbänder hat er jedenfalls genauso lässig um das Handgelenk gebunden. Der Gummizug seiner Unterhose umspielt sein Bierbäuchlein unaufdringlich und doch demonstrativ. Mit Mitte vierzig ein Statement für: „Dies ist mein Laden!“ Definitiv der Besitzer! Noch vorm „Hallo“ spricht er im leicht abwertenden, daher herzlichen Berlinerisch zu mir: „Willste schon was trinken?“, während er gleich darauf seiner Kollegin etwas auf Griechisch hinterherruft. Ich werde geduzt, wie man dit in Berlin so macht, und fühle mich gleich zu Hause in Bohnsdorf.

Zu dem Lokalkolorit bestelle ich ein Wasser und den Kabeljau mit Gemüse der Saison. Überhaupt ist die Karte sehr mediterran gehalten, es gibt viel vom Grill. Sahnesoßen stellen eher die Ausnahme dar. Welch Erleichterung! Und sogar der Salat zum Essen kommt ohne joghurthaltiges Dressing aus. Etwas Öl, etwas Essig und ein paar Kräuter – perfekt! Zum Kabeljau gibt es warmes Fladenbrot und das Gemüse ist sehr gut ausgesucht: grüner Spargel, Brokkoli und Zuckerschoten. Ich muss schon sagen: Hier gefällt es mir. Als Nachtisch bringt mir mein Freund mit der auffällig zur Schau gestellten Herrenunterbekleidung eine Schale mit Wassermelone statt Ouzo wie den anderen Gästen. Vielleicht weil ich alleine da bin? Ich hätte zwar auch nichts gegen den Anisschnaps gehabt, aber die Geste ist doch sehr nett.


Freundlich, gemütlich und farbenfroh geht es in Bohnsdorf weiter. Die Wohnhäuser, die zur „Gartenstadt Falkenberg“, auch „Tuschkastensiedlung“ genannt, gehören und die Häuser drum herum erstrahlen in so vielen fröhlich sonnigen Farben, dass man sich gleich wohlfühlt und in eines einziehen möchte. Die zugehörigen Gärten machen sicher viel Arbeit, ergänzen die farbenfrohe Vielfalt in Bohnsdorf aber sehr schön. Nach dem Vorbild englischer Reihenhäuser baute der Architekt Bruno Taut ab 1912 ca. 130 Wohnungen am Hang des Falkenbergs. Alle Wohnungen sind geprägt durch eine andere Farbigkeit, was der Siedlung ihren Spitznamen einbrachte. Taut grenzte sich dadurch von der damalig vorherrschenden Meinung ab, dass nur sogenannte Materialfarben in der Gestaltung von Hausfassaden Verwendung finden durften. Heute gehört die Siedlung zum UNESCO Weltkulturerbe der Wohnsiedlungen der Berliner Moderne. Eine echte Sehenswürdigkeit in Bohnsdorf.


Bohnsdorf hat einen warmherzigen und freundlichen Eindruck bei mir hinterlassen. Ein kleiner Besuch bei Freunden sozusagen.

Rhodos, Richterstr. 9, Berlin-Bohnsdorf, So–Do 12–23 Uhr, Fr–Sa 12–0 Uhr

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