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#8: Blankenpferde ... äh ... -felde

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Blankenfelde. Nein, nicht das Blankenfelde, wo die S-Bahn hinfährt und das in Brandenburg an der Grenze zu Berlin liegt. Das Blankenfelde, wo weder S-Bahn noch Tram oder U-Bahn hinfahren. Das Blankenfelde, wo der Bus im 20-Minuten-Rhythmus fährt. Allerdings nur bis in den nächsten Ort. Und ja: das Blankenfelde, wo es keinen einzigen Imbiss oder Restaurant gibt. Auch das gibt es in Berlin. Dafür aber drei Cafés, von denen jedes besonders zu sein scheint. Ich schwinge mich aufs Fahrrad, die einfachste Lösung für das ÖPNV-Dilemma, und starte meine kleine (Café)Kaffeefahrt.

Blankenfelde ist der am dünnsten besiedelte Ortsteil Berlins. Auf 13 Quadratkilometer leben gerade einmal 2.000 Menschen. Drumherum idyllische Felder. Felder, die noch bis 1985 als Rieselfelder dienten. Klingt malerisch, ja, ist es aber nicht. Die braune Grütze, die da einst auf Blankenfeldes Felder und Wiesen niederrieselte, kam aus den Tiefen der Berliner Abwassersysteme. Es wurde raufgepumpt, was die Kanalisation hergab; als Vorläufer der modernen Kläranlage war Blankenfelde die größte Kloake Berlins. Und das erschreckenderweise noch bis vor 30 Jahren. Herzlichen Glückwunsch!

Die Böden für die Landwirtschaft unbrauchbar gemacht (wegen zu hoher Schwermetallbelastung), sind die Flächen, auf denen ehemals Arbeiter per Hand die großen Müllstücke von den Fäkalien trennten, heute überwachsen von Gräsern. Nur riechen kann man es noch, befinde ich, als ich naserümpfend nach Blankenfelde einfahre. Doch ich werde schnell eines besseren belehrt. Ein Geruch hat den anderen abgelöst. Was hier müffelt, sind die überall auf der Straße verteilten Haufen Pferdeäpfel und die Ställe der Reiterhöfe. Von beiden scheint es mehr zu geben als Wohnhäuser und Menschen. Pferde sehe ich hingegen in der Hauptstraße nur sechs, was angesichts der beträchtlichen Anzahl an Pferdeäpfeln doch erstaunlich wenig ist. Pferdemädchen kommen mir in Reiterhosen und Reitstiefeln entgegen und verschwinden im „Café Steckenpferd“. Das Café verkauft neben Kaffee und Kuchen auch Ponydrops und Leckerli-Backmischungen für das anspruchsvolle Pferd in extravaganten Sorten wie Ingwer-Hanf oder Lakritz. Die Sorten versprechen „eine unbeschwerte Fütterung auch für schwierige und empfindliche Lieblinge“. Erleichtert stelle ich fest, dass auch für das menschliche Wohl gesorgt wird. Zu meinem Sojacappuccino, der hier auf dem Land – anders kann man es nicht sagen, die Bezeichnung „Dorf“ würde Blankenfelde nicht gerecht werden – schon eine Überraschung ist, gibt es leckeres Bananenbrot für mich und weitere Kuchen für die anderen Gäste.


Auf der kleinen Veranda zur Straße hat man einen guten Überblick über ganz Blankenfelde – na ja, zumindest fast – und kann den Gesprächen der Fußgänger und anderen Cafégäste lauschen. Alles dreht sich ums Pferd. Reitbeteiligung zum Geburtstag verschenken – ja oder nein. Oder doch nur den Gutschein vom Reitsportladen in Pankow. Und wann wohl der Papa von der Landesmeisterschaft wiederkommt. Die Frau, die ihr Auto auf der anderen Straßenseite parkt, hat die gewonnenen Turnierschleifen schon am Rückspiegel hängen.

Ich verlasse das niedliche kleine Café und fahre mit dem Fahrrad vorbei an zahlreichen Reiterhöfen und Pferdetransportern in die unbewohnten Gegenden von Blankenfelde über eine einsame Landstraße zum Müllberg. Erst die Rieselfelder und dann der Müllberg, Blankenfelde hatte es aber auch nicht leicht in der Vergangenheit! Der Müllberg ist heute bewachsen und es gibt Planungen für die weitere Nutzung als Erlebnispark mit Hotel und Bildungszentrum. Hier, mitten im Nichts, umgeben von Feldern und Gestrüpp. Zu Füßen der „Arkenberge“ liegen zwei Kiesseen, in denen sogar Baden möglich ist. Echt schön ist es hier. So fern von der Großstadt, deren Teil Blankenfelde ist. Ich bin ganz beflügelt von so viel Natur und Einsamkeit. Auf der leeren Landstraße fliege ich mit den Schmetterlingen um die Wette, umrunde gekonnt die Pferdehaufen und fühle mich befreit von jeglichem Alltagsstress. Blankenfelde als Oase der Naherholung.




Zurück im Ort besuche ich das „Café Traktorista“ im alten Stadtgut Blankenfelde. Das verfallende Stadtgut wurde 2006 vom Verein „StadtGut Blankenfelde e.V.“ für einen Euro gekauft, mit der Auflage, das Gut denkmalgeschützt zu sanieren. Mittlerweile wohnen über 90 Menschen im sanierten Bereich des Stadtgutes. Alle mit dem Willen, sich für das Gut, den Verein und die Naturschutzgruppe zu engagieren. Geachtet wird auf eine gute Durchmischung von Jung und Alt. Ein alternatives Wohnprojekt, in dem miteinander leben auf der Tagesordnung steht. Die beiden Jungs, die am Mittag mit der Glocke über den Hof laufen und zum Essen klingeln, haben mit ihren Eltern Senfeier gekocht für alle, die mitessen möchten. Im Café Traktorista kann man sich zwei Ausstellungen anschauen, zum einen über die Geschichte der Rieselfelder und zum anderen über Asyl als Menschenrecht. Drinnen ist es durch die großen Ausstellungswände nicht sehr gemütlich, aber auf der Veranda lässt es sich gut entspannen. Der Erdbeerkuchen mit weißer Schokolade als Boden schmeckt auch sehr gut.


Meine letzte Station ist der „Botanische Volkspark Blankenfelde-Pankow“. Auf einem alten Rieselfeld, das schon 1909 stillgelegt wurde, wachsen heute Apfelbäume, sammeln Bienen Honig, erstrecken sich Bäume im Arboretum in die Höhe, zirpen Grillen, quaken Frösche, leben Schafe und Rehe, findet Natur- und Umweltbildung für Kinder statt und genießen viele Ausflügler die Natur und Kaffee und Kuchen im „Cafe mint*“ im Schaugewächshaus des Parks. Ich bestelle das dritte Stück Kuchen des Tages – veganen Schokoladenkuchen – und dazu einen Lakritz(soja)latte. Die Milch mit dem Lakritzpulver schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig, aber sonst ist alles perfekt. Der Kuchen und vor allem das Drumherum des Parks.

Ich muss schon sagen: 3 tolle Cafés, wunderschöne Landschaft und Parks, Stille – Blankenfelde hat einiges zurückbekommen für seine Entbehrungen des letzten Jahrhunderts.












Café Steckenpferd, Hauptstraße 35, Berlin-Blankenfelde, Fr 12–18 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr Café Traktorista, Hauptstraße 30, Berlin Blankenfelde, Mo+Di 14–18 Uhr, Fr–So 12–18 Uhr Cafe mint*, Blankenfelder Chaussee 5, Berlin-Blankenfelde, Fr–So 11–17 Uhr

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