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#7: Good old Blankenburg

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Die Essensauswahl in Blankenburg ist überschaubar. Der Dönerimbiss an der Ecke wirkt nicht sehr vertrauenswürdig und so lande ich beim Griechen. Ich bin etwas aufgeregt. Griechisch esse ich selten. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es genau ein Restaurant – einen Griechen – und so ziemlich jede Familienfeier führte dahin. Schon als Kind grausten mich die Fleischberge auf den Tellern. Vegetarische Gerichte gab es nicht. Der erste Grieche; auf meiner Tour durch die Dörfer Berlins wird es sicher nicht der letzte sein.


Ich setze mich in den Biergarten des Restaurants „Syrtaki“. Dass das Bestattungshaus Blankenburg im gleichen Haus sitzt wie das Restaurant, lässt mich nur kurz zögern. No risk, no fun, oder so ähnlich ... Der Kellner bringt mir freundlicherweise schon zur Begrüßung einen Ouzo. Oder gar für alle Fälle? Für das, was noch kommt? Als Vegetarier hat man es hier schwer – ich hatte es fast geahnt – und muss sich auf die Vorspeisen und Salate beschränken. Als Veganer ist man völlig aufgeschmissen. Nun gut, ich bestelle das „Olympia-Pfännchen“: Hähnchenbrustfilet vom Grill mit Champignons und Knoblauchkartoffeln. Das Einzige auf der Karte, das nicht nach Sahnesoße klingt. Ich stelle mir eine leichte mediterrane Pfanne mit etwas Olivenöl vor. Doch nicht mit den Griechen! Als das Essen kommt, bin ich erst mal geschockt. Die Pfanne ist bis zum Rand mit einer weiß-mehligen Sahnesoße gefüllt, in dessen Mitte zwei Filets schwimmen. Die paar Pilze in der Soße fallen kaum ins Gewicht. Ich ärgere mich über das Unding in Dorfrestaurants, nicht alle wichtigen Zutaten in der Speisekarte aufzulisten. Mit Schmerzen denke ich an letztes Jahr zurück, als ich in einem Fischrestaurant an der Müritz Zanderfilet mit Bratkartoffeln bestellte und mich dann über den Fleischgeruch des Fischs wunderte. Nach mehreren Bissen fielen mir dann die Speckkrümel in den Bratkartoffeln auf ... Aber zurück nach Blankenburg und in die Gegenwart! Denn trotz des kleinen Ärgers muss ich zugeben: Das „Olympia-Pfännchen“ schmeckt fantastisch! Das Fleisch ist schön saftig, die Soße ein Traum – noch am Abend denke ich daran – und die Knoblauchkartoffeln passen auch wunderbar dazu. Sahne hin oder her. Und wenigstens der Keks zum abschließenden Espresso ist dann vegan.


Von meinem Platz aus kann ich auf die Dorfkirche Blankenburgs blicken, die um 1230 erbaut wurde und zu den ältesten Kirchen Berlins gehört.



Auch die Gebäude drum herum sind allesamt sehr besonders, wenn auch etwas jünger. Spätes 19. Jahrhundert.


Eigentlich ganz schöne Aussichten, wenn da nicht dieses eine Haus mit den sehr auffälligen blauen Transparenten wäre. Ganz nach dem Motto: Blau ist das neue Braun, hat die AfD sich hier ein Bürgerbüro eingerichtet. Strategisch an der richtigen Stelle, das muss man ihnen lassen, denn wenn man den Berliner Wutbürger sucht, dann findet man ihn in Blankenburg. Das hatte ich bereits auf meinem Weg die Hauptstraße entlang bemerkt. Dort lassen die Anwohner ihre ganze Wut in Form von selbst gemalten Protestschildern raus. Hintergrund ist das Bauprojekt „Blankenburger Süden“ des Berliner Senats. Im Süden von Blankenburg, auf einer nicht genutzten Freifläche, sollen ab 2029 10.000 neue Wohnungen entstehen. Die Planungen sehen vor, dass eine Tramstrecke durch die ehemalige Schrebergartenanlage, jetzt „Erholungsanlage“, führt, eine Mischanlage von Kleingartenpächtern und Eigentümern, die das ganze Jahr über in der Laube wohnen. Durch den Tramstreckenbau würden viele von ihnen ihr Grundstück verlieren. Einige Planungsvarianten sehen sogar vor, dass die komplette Anlage mit 1350 Grundstücken (davon 400 in Eigentum) und Pachtparzellen plattgemacht wird. „Bezahlbarer Wohnraum wird vernichtet durch bezahlbaren Wohnraum“ steht so auch auf einem der Plakate am Straßenrand. „Jahrelang mit Steuern eure Gehälter finanziert, damit ihr uns dann ausradiert!“ schon ein bisschen wütender, bis hin zur offensichtlichen Drohung: „Bin ich weg, seid ihr auch weg!“ Das meiste, das da auf die ausrangierten Bettlaken gemalt wurde, sieht aber doch sehr freundlich aus. Viele Blümchen und Herzchen und Sonnen. Fast möchte man sich „Atomkraft – nein danke!“ daneben geschrieben vorstellen. Bei „Sag mir, wo die Grünen sind, wo sind sie geblieben“ kommt dann wieder die AfD ins Spiel. Ressentiments, die ihr in die Karten spielen. Der kleine Gesprächsstand der SPD an der Straßenecke wirkt dagegen machtlos.


Ich laufe noch ein bisschen durch den alten Ortskern und bewundere die schönen Häuser, die nicht bedroht sind von Bauprojekt und Tramstrecke. Und dann noch eine Runde über den kleinen Friedhof Blankenburgs, auf dem auch DDR-Liedermacher Lakomy begraben liegt, den im Osten alle lieben und im Westen niemand kennt. Der Friedhof ist wirklich sehr klein. Gestorben wird hier nicht sehr viel. In Berlin-Blankenburg. Restaurant Syrtaki, Alt-Blankenburg 22, Berlin-Blankenburg, Mo–So 12–24 Uhr

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