#6: Biesdorf der 90er

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Als ich Biesdorf besuche, findet gerade das alljährliche Blütenfest statt. Von Blüten ist zwar weit und breit nichts zu sehen, aber dafür ähnelt das Publikum des Festes doch sehr dem seines großen Bruders, dem Baumblütenfest in Werder an der Havel, in das jedes Jahr Berlins Proletinnen und Proleten anreisen, um sich mit süßem Obstwein die Kante zu geben. Statt Obstwein betrinkt man sich auf dem Biesdorfer Blütenfest mit Erdbeerbowle oder besser gesagt mit „Erdbeeren mit Bowle“. So steht es zumindest auf dem Banner des Bowlestandes. Den Appetit stillen Fleisch, Kohl, Currywurst und die unvermeidlichen Langos, die selbst in Biesdorf nicht fehlen dürfen. Während ich mich an Autoscooter, Lose ziehen, Schießbude, Greifarmen, Slush- und Softeis vorbeistehle, macht DJ Tommy auf der Bühne Stimmung mit „Die, die immer lacht“. Es ist wie eine Zeitreise in die Neunzigerjahre, Dorfschützenfest. Nur der Soundtrack hält mich im Hier und Jetzt. Die, die immer lacht, immer lacht. Die, die immer lacht … Der Ohrwurm begleitet mich noch bis zum Ponyreiten, das in Biesdorf etwas anders aussieht als gewohnt. Diese tierschutzgerechte Variante erfreut sich bei den Kindern großer Beliebtheit. Immer wieder kommen mir in dem Parkgelände kleine Menschen auf- und abhüpfend auf den Plüschtierponys entgegen. Das Leid der Eltern macht sich durch grimmige Gesichter bemerkbar (die, die nimmer lacht, nimmer lacht ...). Die Knirpse kommen kaum vorwärts mit den Tierchen und so geht es für die ganze Familie sehr langsam oder nur mit Anschubhilfe voran.


Das Fest endet im Schlosspark, wo das Schloss Biesdorf sein 150-Jähriges feiert. Prinzen und Prinzessinnen gab es hier nie. Ein Gutsherr kaufte das Grundstück und ließ 1868 eine italienische Turmvilla bauen, die heute als Schloss Biesdorf bekannt ist.



Die Parkanlagen ums Schloss sind weitläufig und am besten gefällt mir der Krötenteich. Es ist Paarungszeit. Unablässig lassen die sich paarenden Kröten (oder Frösche?) ihren Laich in das Gewässer ab. Es hat sich schon eine dicke Schleimschicht gebildet. Das Quakkonzert, das sie dabei, davor oder danach veranstalten, schallt durch den gesamten Park. Seelenruhig fliegen währenddessen blau schimmernde Libellen über den Teich hinweg. Eine Zeit lang folge ich dem Schauspiel gespannt, bevor ich durch den Park zurück Richtung Ortskern laufe.


Das „Restaurant zur kleinen Remise“ lädt mich vor allem durch seinen gemütlichen Biergarten und dem Versprechen auf Berliner Weisse mit Schuss ein. Ich überlege, ob ich den Spargel bestelle, bei 27 Grad ist mir aber doch eher nach Salat. Der Salat ist relativ klein, die Vinaigrette mit Sicherheit aus dem Supermarkt und die Putenbruststreifen sind sehr fest gebraten. Das macht aber nichts. Es ist einfach schön, hier zu sitzen und die Berliner Weisse zu genießen, die perfekt gemischt ist. Nicht zu viel Sirup. Das „Restaurant zur kleinen Remise“ ist ein Ausflugslokal. Die riesigen Eisbecher mit Erdbeeren und Sahne gehen bei den Fahrradfahrern, die am heutigen Vater- oder Herrentag in die Remise einkehren, besonders gut weg. Amüsiert lausche ich einem Gespräch am Nachbartisch. Eine Frau im Rentenalter erzählt, dass sie und ihr Mann jedes Jahr am Herrentag einen Fahrradausflug machen. Er darf sich aussuchen, wo es hingeht, und sie zahlt. Das ist ein Rollenverständnis, das mir gefällt.



Zum Schluss schaue ich noch am Baggersee vorbei, wo sich schon einige Mutige in den ersten warmen Tagen Abkühlung holen.


Am besten an Biesdorf gefällt mir dann aber doch etwas ganz anderes. In der Nähe des S-Bahnhofs steht eine voll funktionstüchtige Telefonzelle. Sie fällt mir sofort auf, weil sie irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Es ist keine von den schönen alten gelben Telefonzellen der Post, sondern eine hässliche grau-magenta-farbene der Telekom. Was sie zu den anderen Telefonzellen unterscheidet, die man hin und wieder im Stadtbild sieht, aber kaum wahrnimmt, sind ihre Außenwände. Sie ist komplett geschlossen. Das habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen. Und das trifft auch ganz gut den Charakter von Biesdorf. Ganz Biesdorf hat etwas von der Zeit Überrolltes, leicht ins Alter Gekommenes. Irgendwo zwischen noch nicht alt genug, um historischen Charme zu besitzen, und zu alt, um noch mit der Zeit mithalten zu können. Ich mag Biesdorf. Für einen Ausflug ins letzte Jahrhundert ist es der richtige Ort.


Ich hätte übrigens das Einhorn mit dem lilafarbenen Cape gewählt. ;-)


Restaurant zur kleinen Remise, Oberfeldstr. 24, Berlin-Biesdorf, Mi–So ab 12 Uhr

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