#12: An einem Sonntag in Buch

Aktualisiert: 3. Nov 2019

In Buch ist es so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, wenn denn jemand eine Stecknadel mitten in Buch fallen lassen würde. Macht aber keiner an diesem Sonntag in Buch.


Es fährt auch keiner mit dem Auto oder geht plappernd spazieren, keine Kinder, die schreiend oder singend durch die Straßen laufen.


Gibt auch keinen Grund; warum sollte man diese schon unheimliche Geräuschlosigkeit auf die Probe stellen!?


Gespenstisch ist es. Vor allem in dem verlassenen und verwilderten Bucher Schlosspark. Im immer dichter werdenden Gestrüpp kommt Panik auf. Dies wäre wohl der perfekte Ort, um eine Leiche zu verscharren. Rückzug!


Passende Stille herrscht auf dem Klinikcampus C. W. Hufeland, dem Gelände der ehemaligen Städtischen Irrenanstalt Nr. 3. 1906 eröffnet kam sie 1940 zu einem sehr traurigen Ende. Die Insassen der Anstalt wurden zunächst „nur“ zwangssterilisiert und später deportiert und ermordet. Fast 3.000 Menschen kamen so ums Leben. An die Opfer des „Euthanasieprogramms“ der Nazis erinnert ein Denkzeichen in Form eines weißen Kopfkissens. Ein Ort der Stille und des Nachdenkens. Die Häuser drum herum wirken tragischerweise fast romantisch.



Die wenigen Menschen, die hier auf dem Klinikgelände der heutigen Helios-Kliniken unterwegs sind, erscheinen wie Eindringlinge. So still und einsam ist es. Genau wie im benachbarten Campus Berlin-Buch, Biotech- und Wissenschaftsstandort, der erstaunlicherweise auch einen Skulpturenpark beinhaltet. Hier findet sich unter anderem eine Installation des international bekannten dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson, der z. B. durch seine Wasserfallinstallationen an der Brooklyn Bridge in New York bekannt wurde. Zwei Leuchttürme neben einer BVG-Bushaltestelle, die aber wohl erst im Dunkeln einen Sinn ergeben. Überhaupt sind die Bucher der Kunst zugeneigt. Skulpturen wohin man schaut, wohin man geht. Am Straßenrand, auf dem Gutshof, auf dem Klinikgelände. Einfach überall. Aber auch die in Stein gehauenen und in Messing gegossenen Figuren halten es mit Schweigen.



Im Stadtgut Buch gibt es im Übrigen ein eigenes Schaufenster nur für Theodor Fontane, der hier in Buch – man möge es kaum glauben – bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg 1860 eine Nacht verbrachte. Die Bucher sind sehr stolz darauf. 2019 ist Fontane-Jahr.



Leise kommt dann auch das Essen in einer Eisdiele Schrägstrich Pizzeria daher. Der Schrägstrich sagt alles, weswegen ich mich dazu in Schweigen hülle.


Durchbrochen wird die Stille in Buch nur zwei Mal zum Ende meines Besuchs: ein schreiender Mann am Telefon (Beziehungsstreit), den man sicher 500 m weit hören kann, weil ja sonst alles ruhig ist, und zwei Jungs, die mitten auf der Straße (ist ja nichts los) laut Musik hören (Gangstarap).


Danach ist wieder Stille in Buch.


Klinikcampus C. W. Hufeland

Stadtgut Berlin-Buch

Schlosskirche Berlin-Buch



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