ON TOUR: Vom Alleinreisen und kultureller Schönheit – eine Rundreise durch Belgien.

Aktualisiert: 7. Okt 2019

Seit ich den Film „Brügge sehen und sterben“ gesehen hatte, wollte ich unbedingt die beschauliche Mittelalterstadt Brügge besuchen. Belgien im Allgemeinen schien mir ein guter Einstieg ins Alleinreisen zu sein und so entschied ich mich, das Land etwas genauer zu erkunden.

Eine sehr gute Entscheidung, denn: Es war ein traumhafter Urlaub!


Die erste Reise alleine hatte ich mir vor allem abends etwas einsam vorgestellt, aber das war es gar nicht. Ich hatte meine Yogamatte mitgenommen und der leistete ich jeden Abend Gesellschaft und machte Yoga. Oft schaute ich dann auch noch eine Doku auf meinem Handy; Autoplay-Funktion und Empfehlungsalgorithmus von YouTube führten dazu, dass ich am Ende ca. 10 Dokus über überlastete Notaufnahmen gesehen hatte (Kann da bitte mal jemand was machen?!). Aber zurück zur Sache: Alleinreisen ist einfach toll, da man all das tun kann, auf das man Bock hat, und nichts von dem tun muss, auf das man keinen Bock hat – und überhaupt spontan und frei sein kann (auch wenn ich zugegebenermaßen vorher alles bis ins kleinste Detail geplant hatte. Sicher ist eben sicher!).


Das einzige Mal, dass ich mir eine Begleitung gewünscht hätte, war in einer Nacht in Brügge, in der ich durch einen heftigen Streit in der Etage unter mir aufwachte und befürchtete, dass dort jemand vergewaltigt wird oder Schlimmeres. Rettung war da nur die Rezeption.


Kulinarisch bietet Belgien vor allem Schokolade, Fritten, Muscheln, Waffeln und Bier. Mein persönliches Highlight waren die belgischen Waffeln. Am besten schmecken sie nach Lütticher Art pur oder nur mit Puderzucker bestreut. Mit dem belgischen Bier bin ich leider nicht warm geworden, obwohl ich an die zwölf Biere durchprobiert habe. Das belgische „Speciaalbier“ – wie man es aufgrund seiner besonderen Formen der Gärung nennt – ist sehr herb und ihm fehlt der typische Pils-Geschmack, auf den ich Lust bekomme, sobald es sommerlich warm wird. Am besten geschmeckt hat mir das Bier „Tank 7“, das sich aber später als Craftbier aus Missouri herausstellte ...

Hier sind meine 10 Highlights für eine Rundreise durch Belgien:

#1: Brügge am Abend

Eine Reise nach Brügge ist sicher der Traum vieler, die einmal „Brügge sehen und sterben“ gesehen haben. Ein Film über zwei Serienkiller, die nach einem missglückten Auftrag nach Brügge flüchten. Die dort gezeigten Bilder der Stadt verfrachten einen in eine märchenhafte Mittelalterkulisse, die sich an Romantik mit nichts überbieten lässt. So oder so ähnlich ist es auch am Abend in Brügge, wenn Ruhe in die Stadt eingekehrt ist. Tagsüber sollte man die Stadt allerdings unbedingt meiden. Jeden Tag fallen bis zu 60.000 Kreuzfahrttouristen in die kleine Innenstadt ein. Pferdekutschen und Shuttle-Kleinbusse, die durch die Fußgängerzone (!) preschen, die immergleichen drei Musikkombos – Blues-Brothers-Duo, Bläserquartett, Trommelgruppe –, die die Touristen bespaßen, und das beliebte Fotomotiv Bonifaziusbrücke, bei dem man sich fragen muss, wie lange diese noch durchhält bei dem Massenandrang. Brügge am Abend ist dagegen eine heilende Wohltat für alle, die am Tag bitter enttäuscht wurden.





#2: Die wunderschöne Nordseeküste in De Haan

Der Badeort De Haan ist nicht weit von Brügge entfernt und eignet sich wunderbar, um den Touristenmassen dort zu entfliehen. Das Highlight ist aber eigentlich gar nicht De Haan selbst, sondern der riesige weiße leere Sandstrand, sobald man sich nur ein paar Meter von dem kleinen Badeort entfernt hat. Hier ist man fast für sich allein, kann den wenigen Windsurfern zuschauen und ansonsten einfach die Natur genießen. Bei nahender Ebbe ist es ein besonderes Schauspiel, die unzähligen Einsiedlerkrebse dabei zu beobachten, wie sie verzweifelt versuchen, dem sich zurückziehenden Meer hinterherzukrabbeln. De Haan ist der perfekte Ort für einen Strandtag.



#3: Das Genter Lichtkonzept und die historische Innenstadt

Gent ist ein Traum für Architekturfans. Angefangen mit der Burg Gravensteen aus dem Mittelalter um 1180 bis zur offenen Markthalle mit ihrer Dachkonstruktion aus Holz aus dem Jahr 2012 – Gent hat aus allen Epochen etwas zu bieten. Im Mittelalter zu einer wohlhabenden Handelsstadt geworden, finden sich hier zahlreiche Prachtbauten und Kirchen als Zeugnis des Reichtums. Besonders stimmungsvoll werden sie am Abend in Szene gesetzt. Kurz nach Sonnenuntergang startet das preisgekrönte Genter Lichtkonzept, bei dem alle historischen Gebäude und die komplette Innenstadt in warmem Licht erstrahlen. Besonders schön: der Blick von der St-Michael-Brücke in alle Richtungen.




#4: Die mittelalterliche Wasserburg Gravensteen

Die Burg Gravensteen wurde zwischen 1180 und 1200 erbaut und thront als eines der ältesten Gebäude Gents mitten in dessen Innenstadt. Durch die Burg führt auf humorvolle Weise der Audioguide in mehreren Sprachen, eingesprochen vom Genter Comedian Wouter Deprez, und man erfährt Interessantes über das mittelalterliche Leben, Folterinstrumente, die Abwehranlagen der Burg und das Außenklo, das nicht mehr als ein Loch im Boden der Burg ist mit direktem Abfall in den Fluss und auf dem es auch heute noch sehr unangenehm riecht. Vom Dach der Burg hat man außerdem einen wunderschönen Rundumblick über Gent.



#5: Französisches Feeling an Maas und Sambre in Namur

Namur, ma belle! Was für eine Schönheit! Namur, die Hauptstadt der Wallonie, ist eine Stadt, die einen mit seinem südeuropäischen, französischen Charme verzaubert: die engen Gassen, die riesige Maas und die etwas kleinere Sambre und in ihrer Mitte die Zitadelle von Namur, eine der größten Festungsanlagen Europas. Auf dem 80 ha großen Gelände kann man ausgiebig spazieren gehen. Besonders schön die goldene Schildkröte mit Reiter, eine Kopie der Statue von Jan Fabre „Searching for Utopia“, die hoheitsvoll auf die Stadt hinunterblickt. Architektonisch interessant ist die Kirche Saint-Loup aus dem 17. Jahrhundert. Am Sommerabend räumen die Restaurants in der großen Altstadt ihre Tische nach draußen und der Einheimische genießt das Leben bei Bier, Wein, Muscheln und Schnecken bis spät in die Nacht. Namur ist die Stadt der Langsamkeit und der Genießer.






#6: Tropfsteinhöhle und Wandern im Wildtierpark in den Ardennen

Das kleine Dörfchen Han-sur-Lesse in den Ardennen hat einiges zu bieten. Zum einen die größte Tropfsteinhöhle Belgiens mit einer Lichtshow im großen Felsensaal und zum anderen kann man auf dem Berg oberhalb der Höhle wunderbar in geschütztem Raum wandern und ganz nebenbei auch noch ein paar Tiere sehen, zum Beispiel in den neuen Braunbärgehegen. Hin gelangt man mit nostalgiegeprägten Straßenbahnen, die die Besucher den Berg hochfahren. Ansonsten begegnet man in dem Dörfchen vielen Soldaten des in Han-sur-Lesse stationierten Luftbataillons, das einem beim Ausgang aus der Tropfsteinhöhle mit einem Kanonenknall verabschiedet – eine alte Tradition.





#7: Das wunderschöne Örtchen an der Maas: Dinant

Zauberhaft, traumhaft, Dinant. Ein weiteres Städtchen an der Maas und der perfekte Tag dort: mit der Seilbahn zur Zitadelle hochfahren, die Führung mitmachen (alles auf Französisch) und den Blick von der Aussichtsplattform genießen, die 408 Stufen runter in die Stadt zurücklaufen und nach einem Kaffee am Hafen eine Schifffahrt auf der Maas zum Schloss Freyr mitmachen.



#8: Ein Ausflug über die Kontinente: die Welten im krassesten Zoo Pairi Daiza

Pairi Daiza ist der monströseste Zoo/botanischer Garten/Architektur- und Erlebnispark, den ich jemals gesehen habe. Aufgeteilt nach Welten – Indonesien, Altes China, Land der Kälte, Welt der Vögel, Meereswelten, Afrika, Australien, Alaska/Kanada – bietet er so viel zum Erleben, Entdecken und Tierebeobachten, dass man nach 7 Stunden immer noch nicht alles gesehen hat. Am besten plant man also lieber gleich zwei Tage ein. Die Welten fahren mit so vielen detailreich konstruierten Gebäuden auf, dass man sich schon fragt, wie viel der ganze Park wohl gekostet haben mag. Allein das komplett in Marmor ausgekleidete und verzierte Affenhaus mag ein halbes Vermögen wert sein. Am Faszinierendsten sind dann aber doch die Tiere: Flughunde in einer begehbaren Freiflughalle, gleich drei Pandas, winzig kleine Kolibris und sogar Koalas! Außerdem Ameisenbären, weiße Tiger und mindestens 30 Storchennester, die den Park krönen.




#9: Die Ausstellung im Atomium besuchen

Zu guter Letzt darf natürlich die Hauptstadt Belgiens nicht fehlen: Brüssel. Absolutes Highlight dort: ein Besuch im Atomium. Das Kristallmodell des Eisens wurde zur Weltausstellung 1958 erbaut und beherbergt heute eine Ausstellung über den Bau des mächtigen Gebildes und über die damalige Weltausstellung. In den einzelnen „Atomen“, die begehbar sind, finden zudem Lichtshows statt. Die Aussicht von der obersten Kugel in Höhe von fast hundert Metern wird dabei zur Nebensache.



#10: Ein Bierchen am Mont des Arts in Brüssel

Zusammengefasst: Das Land ist sehr vielfältig durch die verschiedensprachigen Regionen Flandern und Wallonie, von der Mentalität der Menschen her und auch von der Landschaft und der Bauweise der Häuser. Vereint werden sie durch ihre Liebe zum Bier und zu Muscheln, die wirklich überall angeboten werden. Davon abgesehen fragt man sich aber doch, was dieses Land eigentlich zusammenhält (Wallonen und Flandern sprechen nicht einmal zwingend die Sprache des jeweils anderen). Das tut der Freude als Außenstehender aber keinen Abbruch: Es war soooo schön in Belgien!


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