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#5: Baum-, Baum-, Baumschulenweg

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Okay, zugegeben: Dieser Beitrag ist vor allem ein Bericht über die Späth’schen Baumschulen und ihren schönen Gartenmarkt „Späther Frühling“ als über den Ortsteil Baumschulenweg. Aber immerhin hat dieser seinen Namen ja den Baumschulen zu verdanken. Und irgendwie scheint die Baumschule hier sehr prägend zu sein. In Baumschulenweg gibt es nämlich sehr viele Bäume.


Als Kind habe ich mich immer gewundert, was denn wohl eine Baumschule sein könnte. Ein Ort, an dem Bäume zur Schule gehen, kam mir schon sehr merkwürdig vor. Eher eine Schule, an der man etwas über Bäume lernt oder an der es viele Bäume gibt. So richtig logisch fand ich es nie. Aber gefragt habe ich wohl auch nicht, wenn jemand zu mir sagte: „Du warst wohl auf der Baumschule!“ Dabei war mein erster Gedanke mit den zur Schule gehenden Bäumen gar nicht so falsch. Kleine Bäume werden hier großgezogen, bis sie alt genug sind und verpflanzt werden. Die Späth’sche Baumschule im heutigen Ortsteil Baumschulenweg macht dies schon seit 1720. Fast 300 Jahre.



Das Gelände der Späth’schen Baumschule ist riesig und es sind noch Wohnhäuser, Pferdestall, Wirtschaftsgebäude. Pförtnerei etc. aus dem 19. Jahrhundert erhalten. Ein sehr originaler großer Hof, auf dem ganz unverhofft am heutigen Tag der alljährliche Gartenmarkt und Frühlingsfest „Späther Frühling“ stattfindet.



Direkt am ersten Stand, als ich in die Feierlichkeiten hineintrete, werde ich von der Seite angesprochen, ob man mir diesen Flyer in die Hand drücken dürfe. In allerbester Berlin-Manier laufe ich „Nein, danke!“ murmelnd und Blickkontakt vermeidend an dem Herren mit Pferdeschwanz vorbei und lasse ihn völlig vor den Kopf gestoßen zurück. Was am Alexanderplatz als äußerst wirksam gilt und wahrscheinlich jeder Berliner von Kindheit an draufkriegt, klappt hier in Baumschulenweg nicht, denn als ich schon drei Stände weiter bin, ist er aus seiner Schockstarre erwacht und kommt mir hinterhergelaufen. „Ich will dir gar nichts verkaufen. Schenke mir nur eine Minute deiner Zeit.“ Ich fühle mich ertappt. Hat Berlin mich schon so abgestumpft, dass ich ignorant und egozentrisch durch die Welt laufe? Was er mir dann erzählt, klingt tatsächlich sehr gut und überzeugend. Das Projekt „URBANITÄT + VIELFALT“, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz, hat es sich zur Aufgabe gemacht, gefährdete heimische Wildpflanzen, z. B. mit den schönen Namen Golddistel, Teufelsabbiss und Großer Wiesenknopf, zu schützen und den Artenrückgang aufzuhalten. Als Pflanzenpate bekommt man Jungpflanzen, die man auf dem heimischen Balkon oder Garten ausbringt. Die gewonnenen Samen können dann wiederum anderswo verstreut werden und so trägt man zur Erhaltung der Pflanzenarten bei. Eine wirklich gute Sache! Schließlich entlässt er mich mit Flyer in der Hand und der Bitte doch etwas Werbung für das Projekt zu machen, was ich hiermit tue, zum einen, weil ich mich wirklich darüber freue, dass es Menschen gibt, die sich mit so viel Energie für die Erhaltung der Natur im urbanen Raum einsetzen, und das mit so einem schönen Projekt mit Bürgerbeteiligung, und zum anderen weil ich ein kleines schlechtes Gewissen habe ob meiner anfänglichen Ignoranz.


Das „Späther Frühling“-sfest versetzt mich danach in allerbeste Stimmung. Angeboten werden neben Sukkulenten, Kakteen, Wasserpflanzen, Obstbüschen und allem, was das Pflanzenreich sonst noch hergibt, auch Häcksler und Mähtraktoren, und in der Mostanlage kann man seine Äpfel zu Saft verarbeiten lassen. Die meisten anderen Stände bieten regionale Produkte zum Verkauf: Gurken aus dem Spreewald, Honig aus der Oder-Spree-Region, Pferdewurst aus Falkensee und „Die deutsche Antwort auf die italienische Küche“ aus Bad Liebenwerda. Und überall selbst gemachtes Pesto. Ich lasse viel Geld für Honig und Maibowle da und mache es mir im Weingarten gemütlich. Für die musikalische Untermalung sorgt eine Big Band und der rbb.


Ruhe von dem sehr gut besuchten Markt finde ich im „Späth-Arboretum“, ein botanischer Garten für Bäume. Zwischen chinesischer Zaubernuss und japanischem Goldkolben lässt es sich gut entspannen. Die Kastanien strotzen vor saftigem Grün. Nichts von Mottenbefall zu sehen, der die Kastanien in Berlin braun färbt. Auch die Eichhörnchen fühlen sich hier wohl. Einfach erholsam!



So langsam verabschiede ich mich von der Baumschule mit dem Vorsatz zum nächsten „Späther Frühling“ wiederzukommen und suche nach etwas Essbarem. Ziemlich weit ab vom Schuss, am Wald und vorbei an Kleingartenanlagen, liegt das „Südtiroler Stübl“. Nichts los im Stübl, als ich ankomme, dennoch ist es im zugehörigen Biergarten ziemlich laut, da er direkt an eine gut befahrene Straße grenzt. Ich bestelle ein Radler und die Schlutzkrapfen – südtiroler Teigtaschen, ähnlich wie Ravioli, mit Spinatfüllung. Das Radler kann ich sehr gut gebrauchen bei dem sonnigen Wetter und es schmeckt fantastisch, was entweder am perfekten Mischverhältnis liegt oder aber am Südtiroler „Forst“-Bier. Die Schlutzkrapfen-Portion ist ordentlich. Während im Südtiroler Radiosender irgendwas über „zu viele Türken in Kitas“ palavert wird und es dann mit der Volksmusik weitergeht, lasse ich mir das Essen schmecken. Es schmeckt. Auch wenn die Schlutzkrapfen in der zerlassenen Butter geradezu schwimmen. Ich lasse selten was liegen, aber die Portion schaffe ich nicht. Danach ist mir etwas schlecht. So viel tierisches Fett ist mein Körper nicht gewohnt. Zum Glück ist noch etwas von meinem Radler übrig.



Vorbei an Kleingartenanlagen, Kleingartenanlagen und Kleingartenanlagen laufe ich wieder Richtung Ortskern, um mir noch das zweite Highlight Baumschulenwegs anzusehen: das Krematorium. Ein architektonisches Großwerk. Historisch bedeutungsvoll war der Vorgängerbau. Die Stasi nutzte das Krematorium zur Einäscherung der Mauertoten, um deren Todesumstände zu verschleiern. Seit Mitte der Neunziger gibt es den Neubau mit seiner beeindruckenden Säulenhalle, die vor allem bei Fotografen beliebt ist. Da ich keine Fotoerlaubnis habe, fotografiere ich durchs Fenster. Wie hoheitsvoll das Licht durch die Löcher in der Decke in dem Raum fällt … wunderhübsch. Der ganze Friedhof ist übrigens sehr schön und eignet sich gut zum Spazierengehen mit seinen vielen Bäumen (!) und Wiesen.



Mal abgesehen von Baumschule und Friedhof gehört zu „Baume“ auch noch ein kleines Wohngebiet mit Gründerzeitbauten, Mehrfamilienhäusern der DDR aus den 50er- und 60er-Jahren und sehr hübsche 3-stöckige beklinkerte Reihenhäuser der 1890er-Jahre. Dazu noch kopfsteingepflasterte Straßen. Viele junge Familien scheinen hier zu wohnen. Fast alle Straßen sind alleenartig mit Bäumen bepflanzt. Baumschulenweg eben. Und ich frage mich bei jedem Baum, ob er wohl aus der Späth’schen Baumschule stammt. Bestimmt. Wie sollte es auch sonst sein.


Das ist Baumschulenweg. Zu 50 Prozent. Mir gefällt es. Der Rest ist Kleingarten.




Späth'sche Baumschulen, Späthstr. 80-81, Berlin-Baumschulenweg


Südtiroler Stübl, Königsheideweg 114, Berlin-Baumschulenweg

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