Copyright © 2018 kiezkantinen.de

#4: Nix los in Altglienicke

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Altglienicke. Am Rande zu Brandenburg. Jwd, wie der Berliner sagen würde.

Mein Kollege Hendrik wohnt dort und ich frage ihn, was es denn so Sehenswertes in Altglienicke geben könnte. Hendrik muss überlegen. „Es gibt die Tuschkastensiedlung, die ist aber eigentlich schon in Bohnsdorf. Und es gibt einen guten Griechen, der ist aber auch schon in Rudow.“ Hendrik erbittet sich Bedenkzeit, um ein paar Stunden später mit folgender Idee wiederzukommen: „Im Landschaftspark Rudow-Altglienicke stehen im Sommer Wasserbüffel. Ist zwar zur Hälfte schon in Rudow, aber vielleicht zählt das ja noch.“ Ja, das zählt, beschließe ich. Besser als nichts. Und was zu essen werde ich in Altglienicke sicher auch noch finden.

Als ich in Altglienicke ankomme, bin ich erst mal geflasht von dem Vogelgezwitscher um mich herum. So laut und variantenreich habe ich in Berlin noch nirgendwo die Vögel singen hören. Vielleicht liegt es auch an der Stille, die nur hin und wieder von Rasenmähergeräuschen unterbrochen wird. Keine Autos auf den Straßen. Alle sind an diesem sonnigen Samstag damit beschäftigt, ihre Gärten in Ordnung zu halten. Altglienicke ist eine riesige Einfamilienhaussiedlung mit vereinzelten Reihenhäusern zwischendrin. Mehrfamilienhäuser gibt es nur sehr wenige. Man könnte das Ganze auch Dorf nennen, denn mit Berlin hat das nichts mehr zu tun. Alles sehr idyllisch. Dorfidylle eben. „Moin, moin“, ruft mir ein Einheimischer von der anderen Straßenseite aus zu. Hier grüßt man noch, wenn man sich auf der Straße begegnet. Zugegeben, vielen Leuten begegne ich nicht, als ich hier durch die Siedlungen laufe. Nichts los in Altglienicke. Als Fremder fällt man sofort auf.


Nicht weniger idyllisch sind in Altglienicke die Straßennamen. Vielleicht der Ortsteil mit den schönsten. Tulpenweg, Nelkenweg, Apfelweg, Pfirsichweg, Birnenweg, Tollkirschenweg, Schachtelhalmweg, Goldsternweg, Venusstraße, Pegasuseck, Wunnibaldstraße, Kunibertstraße, Lieselstraße, Gustelstraße, Schneewittchenstraße, Rapunzelstraße, Rübezahlallee. Wie im Märchen.


Viele malerische Straßennamen und Vorgärten später komme ich am Landschaftspark Rudow-Altglienicke an. Von Wasserbüffeln ist allerdings weit und breit nichts zu sehen. Nicht mal das gibt es also. Danke, Altglienicke. Okay, dafür kann ich von hier aus in weiter Ferne, wo der Flughafen Schönefeld liegt, eine Flugshow der Luftfahrtmesse ILA beobachten. Sehr laut knallend malt eine Fünferstaffel von Düsenjets hübsche Kondensstreifenmuster in den blauen Himmel. Immerhin etwas.


Vor einer Gaststätte, unweit der Germanen- und der Alemannenstraße, lässt sich eine größere Gruppe Männer begrillen und bewirten, alle mit dunklen Sonnenbrillen und Bier in der Hand. Ein bisschen wirken sie wie die AfD-Ortsgruppe. Wahrscheinlich ist es nur der örtliche Fußballverein, aber vielleicht macht das auch keinen großen Unterschied. Immerhin konnte die AfD bei den letzten Bundestagswahlen in Altglienicke über 20 Prozent erzielen. Was dahintersteckt, ist für mich schwer zu verstehen. Wenn ich mich hier so umschaue, dann sehe ich nur Einfamilienhäuser. Eigentum. Gärten, die auf Hochglanz geputzt sind. Und nicht die schlechtesten Autos und Rasenmähtraktoren. Es gibt viele Probleme auf dieser Welt, aber ein schönes Häuschen mit Garten zu besitzen, gehört sicher nicht dazu. Warum also so eine menschenfeindliche Frustpartei wählen? Was hier fehlt, ist Vielfalt, dämmert es mir. Hier ist alles sehr (zu) deutsch, alles sehr (zu) gestriegelt, alles sehr (zu) gleich, alles sehr langweilig. Daran ändert auch der eine Nachbar nichts, der sein Haus im Stile eines griechischen Tempels gebaut hat.

Auch deswegen gehe ich an der deutschen Gaststätte vorbei und esse lieber bei dem sri-lankischen Imbiss „Aththy Mayaa“ ein paar Häuser weiter, obwohl weder Schild noch Einrichtung Großes versprechen. Der Inhaber kocht hier selber und ich bin der einzige Gast. Seine 10-jährige Tochter ist zu Besuch und möchte mir unbedingt mein Getränk bringen. Ganz professionell hat sie sich eine viel zu große und mehrfach umgekrempelte Schürze umgebunden. Sehr herzlich und warm ist die Umwirtung der beiden. Trotzdem fühle ich mich etwas unwohl und beobachtet, so alleine in dem kleinen Imbiss. Und auch in Sachen Inneneinrichtung ist deutlich Luft nach oben. Wild zusammengewürfelte Mahagonitische, dazu die passenden, mit Stoff bezogenen Stühle, wahrscheinlich alles ausrangierte Möbel aus einem Chinarestaurant der 90er-Jahre. Die Räucherstäbchen und die sri-lankische Musik im Hintergrund sollen wohl etwas Stimmung bringen, was nicht so richtig klappt. Das Essen ist dann aber wirklich gut. Als Vorspeise esse ich eine vegetarische frittierte Gemüserolle und als Hauptgericht das vegetarische Biryani, ein asiatisches Reisgericht.



Zum Schluss meiner Tour schaue ich noch am Altglienicker Wasserturm vorbei, Hendriks zweiter Tipp. Aber ein Wasserturm ist eben auch nur ein Wasserturm. Irgendwie deprimiert mich Altglienicke. Klar, es ist alles schön ruhig und grün und idyllisch, aber das war es dann auch schon. Sonst gibt es nichts. Wahrscheinlich sehen auch deshalb die Gärten alle so super gepflegt aus. Wie sollte man hier sonst seine Zeit verbringen? Aber ein bisschen mehr Lebendigkeit, ein bisschen mehr Vielfalt würde Altglienicke sicher guttun.

Alles hier erinnert mich an die Zeit, in der ich selbst noch in einem Dorf gelebt habe. Ich muss weg. Tschüss, Altglienicke, wir werden uns so bald nicht wiedersehen.



Aththy Mayaa (Café Ceylon Mummy’s), Semmelweisstr. 14, Berlin-Altglienicke, Mo–So, 11–22 Uhr

71 Ansichten