#3: Gentrification in Alt-Treptow

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Kurz nachdem in Berlin das Zweckentfremdungsverbot für Wohnungen in Kraft getreten war, entdeckte ich bei Immobilienscout voll eingerichtete, zum Verkauf stehende ehemalige Airbnb-Wohnungen in Alt-Treptow. Besteck, Geschirr und Wasserkocher inklusive. Seitdem träume ich mich manchmal, wenn es mir im Prenzlauer Berg mal wieder zu anstrengend wird (zu viele Eltern!), nach Alt-Treptow. Der Ortsteil mit der perfekten Lage, wie ich finde. Der große Treptower Park auf der einen Seite, Spree und Landwehrkanal an den anderen Seiten, und wenn man mal etwas mehr Leben braucht, dann ist Kreuzberg auch nur einen Katzensprung über den Kanal entfernt. Eigentlich perfekt. So weit meine Vorgedanken zu Alt-Treptow.


Außer mir haben sich das aber wohl noch viele andere Menschen gedacht, sodass Gentrifizierung und Mietverdrängung in Alt-Treptow die beherrschenden Themen sind. Im Internet finden sich Einzimmerwohnungen, 49 m² im sanierten Altbau, für schlappe 808,50 Euro KALT (ganz wichtig die 50 Cent …). Ohne Einbauküche versteht sich. Wär ja auch noch schöner. 16,50 Euro pro Quadratmeter. Ein Glücklicher, wer sich das leisten kann.



Als ich in dem kleinen Wohngebiet von Alt-Treptow ankomme, flattern mir auch sofort von allen möglichen Wänden und Bushaltestellen Aushänge entgegen: „Mietenwahnsinn stoppen!“, „Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn widersetzen – Demo in Berlin“, „Vermieterpost kann jeden bedrohen – Informationsveranstaltung“. Beim Anblick des LPG-Biomarktes an der Ecke und des Lastenfahrrads davor – beides sichere Zeichen der eingesetzten Gentrifizierung – bekomme ich heimatliche Gefühle. Prenzlauer Berg lässt grüßen. Auch die Gründerzeitbauten und die Hebammenpraxis verbreiten Prenzlberg-Feeling. Aber mal abgesehen von dem veganen Café ein paar Häuser weiter und dem Hip-Hop-Laden gegenüber gibt es hier wenig, das man als hip bezeichnen würde. Das Wohngebiet in Alt-Treptow ist wirklich sehr klein und je weiter ich mich in Richtung seiner Ränder bewege, desto häufiger wechseln sich die Altbauten mit Industriehallen ab. So richtig schön, finde ich es hier nun doch nicht. Und dass man zum Park erst ein bis zwei mehrspurige Straßen überqueren und zum Kanal und nach Kreuzberg an den Dealern im kleinen Park vorbeimuss, merkt man auch erst, wenn man denn mal da ist. Alt-Treptow kocht also auch nur mit Wasser. Dass die Gentrifizierung hier im vollen Gange ist, ist wohl vor allem der allgemeinen Wohnungsnot und den Marketingstrategien der Immobilienfirmen geschuldet.



Essenstechnisch werde ich im Flammkuchenimbiss „Ofenrausch“ fündig. Wählen kann man entweder aus festen Variationen oder man sucht sich einfach selbst aus, was auf den Flammkuchen soll. Zwei Teigvarianten (Weizen und Dinkelvollkorn), Soßen (klassisch Schmand oder vegan Hummus) und vielfältige Belagmöglichkeiten stehen zur Auswahl. Letztere alle sehr klassisch und ein bisschen was Besonderes, z. B. Süßkartoffel oder Artischocke, hätte ich schon erwartet. Nun gut. So entscheide ich mich für einen Dinkelvollkorn-Hummus-Brokkoli-Zucchini-Champignon-Flammkuchen. Die anderen Gäste im Laden schauen sehr zufrieden und als ich meine Variation probiere, wünsche ich mir, dass ich wie sie die klassische Weizen-Schmand-Version gewählt hätte. Der Dinkelvollkornteig lässt nämlich leider den typischen Flammkuchengeschmack vermissen und der Hummus schmeckt zwar sehr gut, aber auch wirklich sehr stark nach Falafel, sodass der Eigengeschmack der Gemüsesorten untergeht. Schade. Ansonsten sicher ein guter Laden. Sogar süße Flammkuchen gibt es hier.


Historisch interessant wird Alt-Treptow im Treptower Park am Sowjetischen Ehrenmal. 7.000 der 1945 in der Schlacht um Berlin gefallenen russischen Soldaten sind hier zu Füßen der Statue des Soldaten, der auf einem zerbrochenen Hakenkreuz steht und ein gerettetes Kind trägt, bestattet. Die Anlage beeindruckt mich ungemein, vor allem aufgrund ihrer Größe und der perfekt arrangierten Pappeln und Birken überall. Auch Trauerbirken mit herabhängenden Zweigen, wie man sie von Weiden kennt, säumen die Wege. Ich erklimme die Treppenstufen bis zum Sockel der Statue zusammen mit Touristen und Sportlern – letztere die Treppen stetig auf- und abrennend. Von hier oben kann man die ausgefeilte Symmetrie der Anlage bewundern und den Fernsehturm sehen. Und außerdem auch die Regenfront, die sich da zusammenbraut …



Mein restliches Alt-Treptow-Programm schaffe ich nicht mehr. Wolkenbruch. Trotz des Schirms werde ich klitschenass und breche ab. Irgendwie ist es auch unfair Alt-Treptow gegenüber, denke ich noch. Adlershof und Alt-Hohenschönhausen habe ich bei allerbestem Frühlingswetter erkundet und in der Sonne sieht ja immer alles sehr viel schöner aus. Ich nehme mir der Fairness halber vor, nur noch in besseren Wetterlagen auf Streifzug zu gehen.


Am nächsten Tag strahlt die Sonne. Es ist Sonntag und ich bin zurück in Alt-Treptow, um mein Programm zu Ende zu bringen. Zunächst besuche ich den Hallenflohmarkt in der Arena. Unglaublich, was es hier so gibt. Ein richtiger Trödel, ganze Stände, die nur Wasserhähne oder Schuhe anbieten. Auch wenn ich hier nichts finde, die Hallen sind einfach nur zum Gucken mal einen Besuch wert.



Und dann raus in die Sonne und im Treptower Park an der Spree entlang bis zur Insel der Jugend. Schon im 18. Jahrhundert galt Alt-Treptow als Ausflugsziel Nummer eins für die Berliner. In den zahlreichen Ausflugslokalen wurde Kaffee getrunken, gegessen, „geschwoft“ und gefeiert. Geblieben ist nur das Gasthaus Zenner, das nach dem Krieg neu aufgebaut wurde. Dafür stehen am Hafen der Ausflugsboote heute viele kleine Buden, die den Ausflüglern alles anbieten, was das Hauptstadtpublikum begehrt: vegan, glutenfrei, Bio, und für die Touristen gibt es Bier aus Bayern und Kässpätzle. Überall ein großer Andrang. Kaum ein Durchkommen auf dem gar nicht so schmalen Uferweg. Halb Berlin ist unterwegs. Volkswanderungen.



Ruhiger geht es auf dem Wasser zu. Hausboote mit hübsch bepflanzten Terrassen wippen seicht in der Spree. Fast romantisch. Fern von Biomarkt und Mietwucher strecken sie mit eigenen Energiegewinnungsanlagen dem Gentrifizierungswahn beharrlich den Mittelfinger entgegen. Ein Stückchen Autonomie und Freiheit. Beneidenswert. Ihr Anblick hat etwas Beruhigendes in dem ganzen Trubel drum herum. Ich bleibe noch ein bisschen hier, bevor ich mich zurückbegebe in meinen eigenen gentrifizierten Kiez.



Ofenrausch, Bouchéstr. 15, Berlin-Alt-Treptow, Mo–Sa, 12–21:30 Uhr

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