#2: Märchenhaftes Alt-Hohenschönhausen

Aktualisiert: 3. Nov 2019


Plattenbauten, Plattenbauten, Plattenbauten – keine schönen Aussichten auf Alt-Hohenschönhausen, als ich mit der Tram die Landsberger Allee hochfahre. Schon wieder so viel Beton, denke ich in Erinnerung an den letzten Ortsteil. Doch als die Bahn schließlich nach Alt-Hohenschönhausen einbiegt, dämmert es mir: Die Plattenbauten sind nur ein Schutzwall, eine Art Festung, errichtet, um das Schöne, das heimelige Dorf Alt-Hohenschönhausen, vor den Blicken der Auswärtigen zu verbergen.


Den Abschluss dieser Festungsanlagen bildet das ehemalige Stasigefängnis, das heute als Gedenkstätte dient. Daran ziehe ich allerdings vorbei, zu schön ist das Wetter und zu traurig die Geschichten der ehemaligen Insassen. Dass Sonne und Traurigkeit nicht so recht zusammenpassen möchten, denke ich auch etwas später, als ich die aus der Kapelle strömenden Trauergäste an einem der beiden großen Friedhöfe Alt-Hohenschönhausens erblicke. Schwer vorstellbar, dass zu solch traurigen Momenten die Sonne scheint.


Am Stasiknast jedenfalls werde ich essenstechnisch direkt fündig. Fast unscheinbar, sodass ich zuerst daran vorbeilaufe, befindet sich ein chilenischer Imbiss in einem ehemaligen Wärterhäuschen des „Operativ-Technischen Sektors“ der Stasi, den Werkstätten, in denen allerhand Spionagematerial, wie Abhöranlagen, Minikameras und Vorrichtungen zum unentdeckten Öffnen von Briefen, hergestellt wurde. Aus dem Wärterhäuschen ist also jetzt ein Imbiss geworden. La Picá de Deli Mel. Und obwohl der kleine Laden direkt neben einem der touristischen Hotspots Berlins liegt, kommt er fast untouristisch daher. Die holländischen Schulklassen ziehen an ihm vorbei. Zu unscheinbar ist er. Drinnen läuft spanische Musik. Angeboten werden neben Empanadas (gefüllte Teigtaschen) und chilenischen Burgern (Churrascos) Hotdogs, Maisauflauf, wechselnde Suppen und chilenisches Süßgebäck. Ich entscheide mich für die Empanada „Caprese“, gefüllt mit Tomaten, Basilikum, Oliven und Käse. Zusammen mit der selbst gemachten Salsa, die einen sehr intensiven und nur leicht an Tomaten erinnernden Geschmack hat, trägt jeder Bissen zu meiner guten Laune bei.



Gut gestärkt setze ich meine Reise ins Innere von Alt-Hohenschönhausen fort, vorbei an Sportforum und Olympiastützpunkt über eine von Birken gesäumte Allee hin zu Ober- und Orankesee. Gleich zwei Seen in der Nachbarschaft – was für ein Luxus für die Anwohner! Auffällig sind am See die Skulpturen von badenden oder sich sonnenden Frauen. Passend dazu die Sage um den Orankesee: Die wunderschöne norwegische Prinzessin Oranke wurde ihrem geliebten Wikinger untreu. Zur Strafe wurde sie verdammt, als Nixe im See in der Nähe des Dorfes Hohenschönhausen zu leben. In Vollmondnächten allerdings taucht sie an die Wasseroberfläche. Männern ist daher Vorsicht geboten, sich nicht von ihrem Zauber bezirzen zu lassen und ihr ins Wasser zu folgen. So viel Märchenhaftes in Alt-Hohenschönhausen.



Und viel Wunderschönes: Der Frühling hat bereits mit all seinen Veränderungen begonnen: Auf den Wiesen wachsen Krokusse in allen Farben, am See füttern Kinder Enten, Schwäne und Haubentaucher. Angler werfen ihre Leinen aus. Rentner mit Nordic-Walking-Stöcken absolvieren ihr Frühjahrssportprogramm entlang der mit Schilf bewachsenen Ufer. Sonnenhungrige auf Picknickdecken genießen die ersten Sonnenstrahlen. Kinder spielen Fußball. Dazu Kleingärten im Hintergrund und kupferfarbene Pfützen auf dem Lehmboden. Nur ganz leise hört man noch Motorengeräusche in der Ferne. Was für eine Idylle!



Hinter den Seen liegt das sogenannte Villenviertel. Was der Alt-Hohenschönhausener „Villenviertel“ nennt, könnte man auch getrost als „Einfamilienhaussiedlung“ bezeichnen. Aber gut. Ist ja alles in Relation zu sehen. Hier im Viertel merkt man nicht mehr, dass man sich in der Großstadt befindet. Gepflegte Vorgärten, fein gestutzte Hecken, mal in Wellen-, mal in Kugelform, und man kann einfach auf der Straße laufen! Keine fahrenden Autos in Sicht. Dörflicher geht es nicht mehr. An einer Pforte hängt ein Stoffbeutel mit Syltaufdruck. Auch Westdeutschland ist in Alt-Hohenschönhausen angekommen.


Ein paar Ecken weiter lockt mich „BaristaCats Katzencafé“ mit leckerem Kuchen, warmem Apfelstrudel und verkuschelten Katzen. Alles ist wunderbar passend im Landhausstil eingerichtet. Und das sehr liebevoll. Ich setze mich in den Wintergarten. Hier könnte man den ganzen Tag verbringen und einfach lesen zwischen den weiß getünchten Möbeln und mit Blümchen verzierten Tischdecken, Kissen und Tapeten. Im Hintergrund läuft seichte Klaviermusik. Es gibt sogar sehr leckeren veganen Apfelkuchen und Sojamilch für meinen Cappuccino. „Die Bedienung raunt mir verschwörerisch zu: „Ich bin auch Veganerin. Das ist ja immer schön zu wissen.“ Ich lächele. Sehr nett, auch wenn das für mich nicht so ganz zutrifft. Schließlich hatte ich erst wenige Stunden zuvor mit Käse gefüllte chilenische Teigtaschen. Die Katzen verschlafen meinen Besuch fast vollständig, auf dem Stuhl neben mir liegt Mochi und lässt sich die Sonne aufs Fell scheinen. Kurz muss ich an ALF, den Star meiner Kindheit, denken. Er hätte an einem Katzencafé sicher seine Freude, wenn auch auf etwas andere Weise.



Auf dem Rückweg durchs „Dorf“ Alt-Hohenschönhausen hinter der hohen Festung fallen mir noch die vielen Zettel an den Straßenlaternen auf. Vermisstenanzeigen von entlaufenen Haustieren. Kater Tiger und Hund Leo werden vermisst. Eigentlich eine schöne Vorstellung, wie Leo „der Löwe“ und Kater Tiger gemeinsam auf die große Reise gehen. Hier sagen sich nicht Fuchs und Hase Gute Nacht, sondern Hund und Katze. Stoff für ein Kinderbuch. Alt-Hohenschönhausen hat alles wiedergutgemacht. Kein Wunder, dass man dieses Idyll hinter einer Festung verstecken muss.




La Picá de Deli Mel, Freienwalder Str. 14A, Berlin-Hohenschönhausen, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 12–18 Uhr


BaristaCats Katzencafé, Malchower Weg 68, Berlin-Hohenschönhausen, Mo–Fr 13–18:30 Uhr, Sa+So 13–19 Uhr, Frühstück: So: 11–13 Uhr mit Vorbestellung

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