#1: Baustelle Adlershof

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Adlershof. Die erste Station auf meiner Reise durch alle 96 Ortsteile von Berlin. Die Sonne scheint, es ist der erste schöne Frühlingstag in diesem Jahr, 20 Grad sind angesagt. Beste Voraussetzungen, um mit meiner Tour zu starten.

Als ich am S-Bahnhof Adlershof aussteige, erschlägt es mich allerdings erst mal fast angesichts der Betonfülle: Baustellen über Baustellen neben bereits fertig gestellten Bürogebäuden. Dazwischen vereinzelt neu gebaute Wohnhäuser und Studentenwohnheime. Adlershof wächst. Das ist unschwer zu erkennen. Durch eine Bundesstraße getrennt vom historischen Ortskern ist auf dem alten Gelände der Akademie der Wissenschaften der DDR seit der Wende der Wissenschafts- und Medienstandort Adlershof entstanden. Alles steht im Zeichen von Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik. Die Humboldt-Uni unterhält in Adlershof sechs Institute, daneben gibt es zehn weitere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und über 1.000 Technologieunternehmen. Zu DDR-Zeiten forschte hier schon Angela Merkel. An damals erinnert nur noch wenig. Zum Beispiel die Isothermischen Kugellabore, „Akademiebusen“ genannt, welcher nun eingequetscht liegt zwischen zwei neu gebauten Bürohäusern.

Isothermische Kugellabore

Auch sonst ist sehr viel passiert in Adlershof. Wenn man sich die Google-Streetview-Aufnahmen aus dem Jahr 2008 anguckt, ist der Stadtteil kaum wiederzuerkennen. Aber auch damals waren schon überall Baustellen zu sehen.

Insgesamt komme ich mir vor wie in einem in der Entstehung begriffenen Gewerbegebiet. Statt Institut für Mathematik oder Kristallzüchtung könnten in den Gebäuden genauso gut Autohaus A und Versicherung B sitzen. Von Gemütlichkeit oder Beschaulichkeit keine Spur. Rasenflächen und Parkbänke sind Mangelware. Auch von den 6.000 Studenten ist nichts zu sehen. Am Wochenende muss es hier gespenstisch zugehen, dann ist alles dicht, sogar die wenigen Restaurants. Vorbei ziehe ich an Windkanal und Motorenprüfstand zum Trudelturm. Alles Relikte der Luftfahrtforschung aus den 30er-Jahren. Zwischen den vielen quaderförmigen Institutsgebäuden drum herum erhebt sich der Trudelturm monumental in die Höhe und vermittelt dem Vorbeiziehenden ein Gefühl von Ehrfurcht.

Auf der Wiese vorm Trudelturm dann endlich Studenten. Einige schleppen einen Grill aus dem Institut für Chemie auf die Wiese, ein anderer kommt mir mit einem leeren Kasten Mio Mate entgegen. Ich fühle mich zurückversetzt. Einfach spontan bei schönem Wetter mitten am Tag grillen … Schön ist das Studentenleben. Eine weitere Studentengruppe eilt zur Mensa, fast alles Männer – bei der Fachauswahl hier am Standort wohl kein Wunder. Wer als Frau einen Mann sucht, wird hier auf jeden Fall noch fündig.


Ich lasse mich beim koreanischen Restaurant „mani mogo“ nieder. Der Laden gehört den Machern der „Kimchi Princess“ in Kreuzberg und so waren meine Erwartungen relativ hoch, zumal ich ein Fan der koreanischen Küche bin. Ich bestelle den Salat mit frittierten Gemüsedumplings und einen Crushed Pear Juice, eine sehr süße koreanische Birnen-Limonade, die in einer niedlichen Dose daherkommt und an den Saft aus Konservendosen erinnert. Schmeckt etwas ungewohnt, aber nicht schlecht. Das Essen ist dann leider anders als erwartet. Die Lemon-Sesame-Vinaigrette riecht nach Ei. Von Eigeruch wird mir übel. Ich kämpfe mich trotzdem tapfer durch den Salat mit Mayonnaisegeschmack.

Crushed Pear Juice

Ich bin enttäuscht. Vom Essen und von Adlershof. Gibt es hier nicht irgendetwas, das einfach schön ist und zum Verweilen einlädt? Wo man sich wohlfühlen kann? Ich suche weiter.

Das „Zentrum für Photonik und Optik“ ist zumindest mal eine hübsche architektonische Abwechslung zum Rest. Außen komplett aus Glas verleihen ihm die verschieden farbigen Rollos dahinter ein kunterbuntes Aussehen.


Und viele Institute und Zentren und Baustellen später finde ich doch noch etwas Gutes zu essen. Mitten zwischen Betonquadern ein leuchtender orangefarbener Stern in Form eines Imbisswagens oder auch Streetfood Trucks. Die Jungs von „FOOD“, in die man sich gleich verlieben möchte mit ihren aus der Zeit gefallenen Schürzen, Fliegen und Schiebermützen kredenzen Panini, belegt mit so feinen Zutaten wie Fenchelsalami, Safran-Pecorino, Feigensoße und Büffelricotta. Alle Panini oder „Gourmet-Sandwiches“ haben hübsch ausgewählte Namen. Man merkt, dass eine Menge Liebe in diesem Projekt steckt, und fragt sich schon ein bisschen, warum sich so ein kulinarisches Kleinod hier in der Betonwüste verstecken muss. Ich entscheide mich für eine der veganen Varianten („Das Landei“) mit Kichererbsenmus und Aubergine. Vor allem das Brot ist dann auch ein Traum. Außen knusprig und innen wunderbar warm und weich. Genau richtig.


Mit meinem Panino schlendere ich noch ein bisschen durch das andere Adlershof, den alten Ortskern auf der anderen Seite der großen Straße. Hier leben die meisten der 17.000 Einwohner, abseits vom Industriegebietcharakter und Technologiepark. Ein bisschen überrascht bin ich, wie städtisch es hier dennoch zugeht. In einer Seitenstraße beim Anblick der niedlichen Gründerzeithäuschen finde ich dann doch noch so etwas wie Beschaulichkeit. Rechts fliegt ein Zitronenfalter an mir vorbei. Ich beiße noch einmal vom Brot ab. Die Sonne scheint. Wenn es so etwas wie Gemütlichkeit in Adlershof gibt, dann ist es für mich dieser Moment.

FOOD, Justus-von-Liebig-/Ecke Vollmerstraße, Mo–Fr, 11–14 Uhr

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